Die Transformation

Raumflughafen Baikonur, Kasachstan.
5 ... 4 ... 3 ... 2 ... 1 ... Zündung! Eine nie zuvor erlebte Kraft drückt mich erbarmungslos in meinen Cockpitsitz. Unfähig auch nur einen Finger zu rühren, bin ich einer filigran anmutenden Technik ausgeliefert. Die durch den Schub einwirkenden dynamischen Kräfte zerren wild an mir und den Gerätschaften in der beängstigend engen Pilotenkapsel. Eine unglaubliche Geräuschkulisse hat mich eingehüllt und lässt die Macht erahnen, die dieses Feuer von Energie entfacht hat. An der Aussenwand höre ich deutlich die Abkopplungen von den verschiedenen Nabeln zur Bodenstation. Es ist fast unmöglich zu atmen und ich spüre, dass mein eigener Kreislauf äußereste Probleme hat, das Blut im Körper zu zirkulieren.
Die Realität macht einen Schritt zurück und vor meinen Augen sehe ich Bilder aus der Vergangenheit, ganze Filme laufen vor mir ab und führen mich zurück in meine Kindheit. Es sind Sommerferien. Ich spiele mit meinen Freunden im Freien und obwohl bereits die Dämmerung einsetzt, ist es noch angenehm warm. Wir sind ausgelassen und ohne Gedanken an das Morgen, sorglos wie nur ein Kind es sein kann.
Wieder einen Schritt nach vorne in die Wirklichkeit, zeigt mir ein kurzer Blick auf dem Kontrollmonitor: + 12 Sekunden. Es ist unmöglich die Zeit abzuschätzen und selbst logische Gedankengänge werden unlogisch hinterfragt. + 1 Minute 37 Sekunden. Meine Erinnerung an die vergangene Minute ist wie ein schwarzes Loch. Ich hätte Kommandos und die ständige Höhenangabe durch die Flugleitzentrale Koroljow bei Moskau hören müssen. Nichts, absolut nichts. Verliere ich mein Bewußtsein? Panik kommt in mir auf. Ich versuche mich auf das Erlernte zu konzentrieren, auf die Schilderungen und Erlebnisse der Vorangegangenen. 14 Monate habe ich mich auf diesen Augenblick vorbereitet, habe alle Situationen durchgespielt und positiv bestanden. Die Ausbildner haben stets meinen klaren und wachen Verstand als meine große Stärke hervorgehoben. Aber genau dieser rebelliert nun gegen seinen Initiator. + 2 Minuten 34 Sekunden. Meine Lungen schreien nach Luft und werden nicht erhört. Der ganze Körper ist willenlos und unfähig zu überlebenswichtigen Reaktionen. + 4 Minuten 11 Sekunden. Wieder verlorene Zeit die ich nicht dokumentieren kann. Was passiert mit mir? Als hätte jemand den Lautstärkenregler auf Null gedreht, stellt sich ohne auslösende Aktion Totenstille ein. Ich sehe die Leuchtanzeigen, die vielen Monitore auf denen sich Zahlen abtauschen und vermehren. Vieles ausser mir ist in Bewegung, jedoch ohne ein begleitendes Geräusch zu erzeugen. Ich bemerke, dass die Luft direkt vor meinem Schutzvisier zu flimmern beginnt. Wie ein Fernseher ohne Bildempfang - Schwarz/Weiß - nur fehlt das Gerät, das dieses visuelle Rauschen einrahmt. Es bildet sich daraus eine schemenhafte Kontur, ein Umriss eines Menschen und plötzlich und ohne Vorwarnung starre ich in mein eigenes Spiegelbild. So nah vor mir, sehe ich mich selbst als Reflektion in meiner eigenen Pupille gegenüber. Der ausgelöste Schock explodiert wie eine Wasserstoffbombe in meinem Kopf und begleitet meinen Verstand an den Abgrund zur Hölle.
Im rechten Blickwinkel sehe ich ein rotes Warnlicht blinken, das meine Körperfunktionen kontrolliert, und Michail Tjurin, auf meiner Linken, winkt aufgeregt mit seiner Hand und versucht meine Aufmerksamkeit zu erlangen. Dieses Hiroshima ist für mich völlig lautlos. Kein Geräusch, kein Knall, absolute und groteske Stille in einem mich umgebenden Vakuum.
Die Person vor mir wirkt wie ein Geist, ein Hologramm meiner selbst ohne wirkliche Umrisse und ohne Schatten. Sie hebt langsam den Arm, richtet dabei den Zeigefinger auf mich und kommt immer näher und näher. Fast wirkt es, als wolle mein Spiegelbild mich neugierig berühren und sich meiner Existenz vergewissern. Mein Herz hört auf zu schlagen. Das ist der Moment, wo sich Verstand und Wahnsinn die Türklinge in die Hand geben. Ruckartig, wie von einem Insekt gestochen, weicht mein zweites Ich von mir zurück und löst sich wieder in schwarz/weißes Flimmern auf. Dies als Stichwort, setzt die Akustik ein und kommt als tosender Wasserfall über mich herab. Ich sehe Michail Tjurin panisch mir zurufen, seine Worte werden aber von dutzenden Warntönen und Signalen des Bordcomputers überlagert. Innerhalb einer Sekunde ist mein Organismus wieder zum Leben erwacht und meine Sinne und Reflexe reagieren wie hundertmal erprobt. Am Monitor sehe ich, dass sich die Raumkapsel bereits von der Sojus-TM Trägerrakete getrennt hat und sich auf direkten Kurs zur Internationalen Raumstation ISS befindet.
"Wir sind viel zu schnell. Wir müssen sofort eine manuelle Geschwindigkeitskorrektur vornehmen", hebt sich Michail schreiend vom Lärm ab.
Tjurin ist Kommandant dieses Versorgungsfluges der Sojus M-28 zur ISS Raumstation. Er gilt als der beste Kosmonaut der russischen Weltraumkorporation Energija, für die er seit 19 Jahren arbeitet. Mit seiner Routine und Erfahrung hat er wesentlich dazu beigetragen, das sich Raumschiffe der Sojus-Baureihe zu einer zuverlässigen Versorgungsverbindung von der Erde zur ISS entwickelt haben. Die russischen Lastschiffe können bis zu 500 Kilogramm transportieren und werden teilweise auch von der NASA mitfinanziert. Diese hat das Problem, dass nach dem voraussichtlich letzten Shuttle Flug im Jahre 2010 ein unausgefüllter Zeitraum bis 2014 liegt, bis die neue Generation der amerikanischen Orion-Serie einsetzbar ist. In diesem Zwischenraum können nur die russischen Sojus-Raumschiffe Astronauten der NASA zur Weltraumstation überführen.
"Geschwindigkeitskorrektur eingeleitet", protokolliert Sergeij Kaleri, der hinter mir als drittes Bordmitglied für das Kontrollsystem verantwortlich ist. "3 ... 2 ... 1 ... 0 ... Gegenschub negativ! Wiederhole, Gegenschub negativ!"
"Aktion wiederholen", fordert Tjurin ihn militärisch auf.
"3 ... 2 ... 1 ... 0 ... Gegenschub negativ! Alle Kontrollsysteme negativ!" antwortet Kaleri sichtlich nervös.
Hinter der steinernen Fassade von Tjurin laufen die Prozessoren auf Hochtouren. Mit nachdenklicher Miene legt er den Funkschalter um. "Flugleitzentrale Koroljow melden, wir haben ein technisches Problem! Bitte melden!" Doch aus den Lautsprechern spottet nur ein monotones Rauschen. "Flugleitzentrale Koroljow, melden sie sich!" ruft der Kommandant erneut und diesmal eindringlicher in sein Mikrofon. Als gäbe es keine Bodenstation, verhöhnt erneut das Rauschen den 51jährigen Russen.
Wie auf Befehl verstummen synchron alle Warnsignale und Fehlermeldungen auf den Monitoren. Einen kurzen Moment herrscht absolute Ruhe in der Pilotenkapsel. Sofort versucht Tjurin erneut die Flugleitzentrale zu erreichen. "Koroljow, melden sie sich! So melden sie sich doch!" Das gleichbleibende Rauschen zerrt an den Nerven. Es kommt mir so vor, als höre ich ganz leise, Walgesänge aus den Tiefen des Lautsprechers. Fasziniert habe ich in meiner Jugend die Dokumentationsfilme über die Meeressäuger im Fernsehen verfolgt. Ich war gefesselt von den zarten Gesängen der Riesen und wie sie sich über mehrere hundert Kilometer unter Wasser verständigt haben. Aber die erhoffte Antwort unserer Bodenstation in Koroljow bleibt uns verwehrt.
"Kommandant", ruft Kaleri erregt, "Unsere Geschwindigkeit erhöht sich kontinuierlich! Der Zeitplan für das Rendezvous mit der ISS kann nicht gehalten werden"
Ungläubig blickt Tjurin auf die Anzeige vor ihm. "Wie kann sich unser Schub von selbst erhöhen? Zum Teufel, wir haben unsere Antriebsraketen bereits abgekoppelt!"


Hearst, Kanada.
Wie jeden Abend, seit fast zwei Jahren, lauscht Dean Morgan wie hypnotisiert den Walgesängen aus den Lautsprechern seines Funkgerätes. Obwohl die Richtfunkantenne seiner Hobbyanlage in die Tiefen des Universums zeigt, gibt es eine nicht zu bestreitende Ähnlichkeit des Klangbildes, mit den Ruflauten der Wale die in den Weiten der Ozeane ihre Artgenossen suchen. Dean´s Verstand löst sich in Zeitraffer, ähnlich einer Verwesung, in nichts auf. Die Faszination hat ihn vor das Gerät gefesselt und seine Frau hat ihn deswegen vor zwei Monaten verlassen. Der Wille zur Aktivität bereits viel früher. So sitzt er apathisch in seiner Garage und legt sein Ohr an die Schiene ins Verderben.


Flugleitzentrale Koroljow, Russland.
"Negativ, Herr Sewastjanow, wir haben immer noch keinen Kontakt zu Versorgungsflug ES-28", ruft ein gestresster Fluglotse durch die riesige Leitzentrale in der Nähe von Moskau und fügt noch informativ hinzu "Der Kurs ist konstant, jedoch beschleunigt die Raumkapsel weiterhin!"
Nikolai Sewastjanow ist der Chef von der Weltraumkorporation Energija und gegenüber seinen Kunden für deren Fracht zur ISS verantwortlich. Nachdenklich blickt er zu den beiden Beobachtern der NASA, die für diesen Versorgungsflug die Hauptauftraggeber sind. Sewastjanow gilt in der Öffentlichkeit als alter Wolf, der es geschickt versteht Wissenschaft, Politik und Geschäft miteinander zu verbinden um einen gewinnbringenden Cocktail für seine persönlichen Interessen zu mixen. Dabei geht er auch über Leichen.
Der Fluglotse meldet sich wieder unaufgefordert zu Wort, "Kein Kontakt zur Sojus und deren Besatzung, Herr Sewastjanow, wir erhalten nur sphärische Störgeräusche!"
"Sphärische Störgeräusche?" der Chef von Energija geht direkt auf seinen Mitarbeiter zu und fordert ohne weitere Worte eine Erklärung.
Der Lotse stemmt sich verzweifelt gegen den durchdringendend Blick seines Vorgesetzten und stammelt "Wir ... wir haben ständiges Rauschen im Monitor und man hört aus der Tiefe ein ... ein dumpfes Singen!"
Sewastjanow wendet sich ohne weiteren Kommentar ab und geht zu den beiden NASA Beobachtern, die in einer Ecke der Flugleitzentrale das hektische Treiben wie Hyänen verfolgen. Knapp vor den Amerikanern bleibt der alte Wolf stehen, prüft ob niemand vom Personal sich in Hörweite befindet und sagt mit unterdrückter Stimme "Es läuft alles nach Plan. Die Transformation hat begonnen!"


Sojus M-28, Versorgungsflug ES-28 zur Weltraumstation ISS.
Verzweifelt schöpft Tjurin im Teich der Hoffnung um wieder Kommandant über sein Raumschiff zu werden. Alle Versuche die Sojus auf Normalgeschwindigkeit zu bringen, haben ohne Erfolg geendet. Nun rekonstruiert er in seinem persönlichem Universum den Startablauf, um eventuell einen Hinweis auf das technische Problem zu entdecken. Minutiös läuft jede einzelne Phase in Zeitlupe vor seinem inneren Auge ab. Nach einigen Minuten sieht er mich nachdenklich an "Wie hast du den Start erlebt? Das Kontrollprogramm für deine Körperfunktionen hat Alarm geschlagen! Was ist mit dir passiert?"
Im Alter von zwölf Jahren wurde ich von der NASA eingeladen an einem Testprogramm für angehende Astronauten in Paris teilzunehmen. Im Vorfeld wurden meine Eltern aufgeklärt, dass die Wahl im Zufallsprinzip auf mich und weitere hundert Kinder aus Nordamerika und Europa gefallen war. In Paris jedoch gab es nur eine Testperson.
Sie hatten es primär auf mein Gehirn und die Psyche abgesehen. Es wurde die elektrische Aktivität in Extremsituationen gemessen und mit der funktionellen Kernspinresonanz die kognitiven Prozesse, im speziellen die Vorgänge bei Problemlösungen, studiert. In stundenlang andauernden Sitzungen wurde ein Katalog meiner affektiven und rationalen Struktur für Verhalten und Handeln angelegt. Meine körperliche Verfassung wurde eher beiläufig getestet und bei diesen Vorgängen achteten sie, meist zwei bis vier Ärzte der NASA, hauptsächlich auf die physische Belastbarkeit und Ausdauer.
Zwar waren die Untersuchungen in Paris nach einer knappen Woche abgeschlossen, das Interesse an meiner Person wurde jedoch intensiver und regelmäßiger. Da meine Eltern eine großzügige, finanzielle Entschädigung erhielten, war ich der Held meiner Familie und die Schulfreunde beneideten mich um meinen außergewöhnlichen Status.
Heute bin ich Mitglied einer bemannten Expedition in den Weltraum mit dem Ziel, die Internationale Raumstation mit jeglichen Mitteln zu versorgen und dem wissenschaftlichen Auftrag, die Verträglichkeit eines Raumfluges für zivile Personen zu testen. In naher Zukunft wird das Befördern von Touristen zur ISS und in weiterer Folge zur geplanten Mondstation dringend benötigte Finanzmittel für die strapazierten Budgets der NASA und anderen Raumflugorganisation bringen. Um diese außergewöhnliche Reise einer größeren Breite an potentiellen Kunden zugänglich zu machen, gilt es in erster Linie den enormen Zeitaufwand der Vorbereitung drastisch zu verkürzen und auch die Möglichkeit zu bieten, Menschen jeglicher körperlicher Konstellation in den Weltraum zu transportieren. Meine persönliche Mission besteht darin, den kompletten Ablauf eines solchen Fluges in den Orbit zu dokumentieren und meine ständige physische Verfassung mittels medizinischer Geräte aufzuzeichnen und zu protokollieren. Anhand dieser gesammelten Daten wird in weiterer Folge das Anforderungsprofil für die Weltraumtouristen erstellt und solche beworben.
Eine Erklärung zu Michail Tjurins Frage will mir nicht über die Lippen kommen. Was soll ich ihm auch sagen? Das ich im Meer des Wahnsinns geschwommen bin? Das ich mich selbst vor mir gesehen habe, aber das beängstigende Gefühl hatte, es wäre ein fremdes Individuum?
"Ich bin in Ordnung!" antworte ich knapp und krümme meinen Zeigefinger und Daumen zu einem O für OK.
Tjurin begnügt sich mit meiner Geste und fasst für sich zusammen "Wir legen sukzessive an Geschwindigkeit zu! Alle Versuche das Raumschiff zu verlangsamen haben fehlgeschlagen und, was mich am meisten beunruhigt, wir haben keinen Kontakt zu unserer Bodenstation oder sonst irgendeiner Einrichtung auf der Erde! Auch die ISS antwortet nicht, obwohl unser Kommunikationssystem keine Fehlermeldung anzeigt!" Der Kommandant zieht eine Steuerkonsole zu sich heran und sagt zu uns gewendet "Es tut mir leid! Wir brechen unsere Mission ab, ändern den Kurs und versuchen in einem großen Bogen wieder in die Atmosphäre einzutreten! Das Hitzeschild der Sojus wird bei dieser Geschwindigkeit nur eine halbe bis eine Minute standhalten, kurz davor sprengen wir uns in der Rettungskapsel von dem Raumschiff ab! Vielleicht haben wir Glück? Auf jeden Fall sehe ich so unsere größte Chance, lebend wieder Boden unter den Füßen zu bekommen!"
"Sie werden nichts von alldem unternehmen!" Völlig unerwartet und einer Demaskierung gleich, richtet Sergeij Kaleri von seinem Pilotensitz aus eine Waffe auf den fassungslosen Tjurin. "Wir behalten die Richtung bei und steuern ein neues Ziel außerhalb unseres Sonnensystems an!"


Buffalo (NY), USA.
Die Szene wirkt abstoßend. Der leblose Körper sitzt nach vorne gebeugt auf einem alten Stuhl. Der Kopf in einer großen, dunklen Blutlache auf dem Tisch und die Arme baumeln wie Girlanden dem Boden zu. Vor dem Toten steht ein verkohltes Funkgerät. Die Standbeine vom Blut eingefangen, wie einsame Inseln in einem rotgefärbten Meer. Auf dem schmutzigen Holzboden hat es weißes Papier geschneit. Die bekritzelten Seiten liegen überall im Raum verteilt, als hätte ein kalter Wintersturm diese Unordnung verursacht. Es ist dunkel. Die Fenster wurden von innen mit einer schwarzen Folie abgedeckt und die einzige Lichtquelle, eine schmucklose Glühbirne über dem Tisch, liegt in tausend Fragmente über dem toten Hauptakteur, Tisch und Boden verteilt.
Blitzlicht. "Bei dem Toten handelt es sich um Oskar Dryden. Zweiundvierzig Jahre alt, alleinlebend, arbeitslos und es scheint fast so, als hätte er sich von seiner Umwelt gänzlich zurückgezogen. Zumindest hat er sich in diesem Raum verbarrikadiert. Es gibt kein Telefon, kein Fernsehapparat, einzig das Funkgerät wäre eine Kontaktmöglichkeit nach Außen gewesen." Blitzlicht. „Eine Nahaufnahme von der eingestellten Frequenz, bitte.“ Blitzlicht.
Die beiden FBI Agenten bewegen sich tänzelnd um den Toten und inspizieren jedes noch so kleine Detail mit Auge und Objektiv. Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen kreisen wie aufgeschreckte Leuchtkäfer in einer Sommernacht an den schwarzen Wänden umher.
"Starke Blutungen aus Augen, Nase und Ohren. Keine offensichtlichen Spuren einer äußerlichen Gewaltanwendung." Blitzlicht. „Es fehlen auch jegliche Anzeichen für den Konsum von Drogen oder Medikamente die zum Tod führen könnten und doch ... irgendetwas stimmt hier nicht!?“
Die beiden Beamten sehen sich eine Weile schweigend an und beenden ihren Einsatz vor Ort.
Im Untersuchungsbüro zurückgekehrt, nimmt der Fall eine entscheidende Wende.
"Dryden ist nicht der Einzige! Insgesamt gibt es vier Tote innerhalb der letzten zwei Stunden mit den selben Symptomen und Merkmalen."


Sojus M-28, Versorgungsflug ES-28 zur Weltraumstation ISS.
"Sergeij, um Himmels Willen, was ist los mit ihnen? Nehmen sie die Waffe weg, ansonsten stürzen sie uns alle ins Unglück!" Tjurin versucht auf Sergeij Kaleri einzureden, jedoch ohne Anzeichen auf Wirkung seiner Worte.
Die Waffe immer noch auf den Kommandanten ausgerichtet, wiederholt Kaleri ruhig seine Forderung "Wir behalten die Richtung bei und steuern ein neues Ziel außerhalb unseres Sonnensystems an!"
"Außerhalb unseres Sonnensystems … sind sie verrückt?" Michail Tjurin fällt es sichtlich schwer, seine Beherrschung aufrecht zu halten. Er schnallt sich nervös von seinen Sicherheitsgurten ab und versucht sich in der Schwerelosigkeit der Sojus-Raumkapsel aufzurichten. "Sergeij, werden sie vernünftig! Wenn sie in der Pilotenkanzel einen Schuss aus ihrer Waffe abfeuern, sind wir Teil der russischen Geschichte!"
"Machen sie sich darüber keine Sorgen, Tjurin. Diese Waffe ist mit einer Spezialmunition geladen, die für genau diese Situation von der NASA entwickelt wurde! Sie und Olsen", Kaleri richtet die Schusswaffe für einen kurzen Moment als Verlängerung seines Zeigefingers auf mich "werden ab sofort meine Befehle ausführen!"
Sergeij Kaleri ist sich seiner autoritären Ausstrahlung bewusst und setzt diese auch ohne Rücksicht ein. Als dritter Sohn einer einflussreichen Moskauer Kaufmannsfamilie geboren, musste er sich der Familienhierarchie unterordnen. Bereits mit neunzehn Jahren verließ er Russland und fand in den USA seine zweite Heimat und viele offene Wege und Möglichkeiten, seine Ziele zu verfolgen. Er besuchte die Universität von Columbus, Ohio, und schloss diese als Doktor in Astrophysik und Experimentalphysik ab. Bei der NASA wirkte er als Forschungsmitglied für neue Antriebssysteme und durchlief in Rekordzeit die Ausbildung zum Astronauten.
Seit nun zwei Jahren ist Kaleri wieder in seiner alten Heimat Russland und arbeitet bei Energija als Kosmonaut für Versorgungsflüge zur ISS. Sein Wissen und seine Kompetenz ist Garant für jeden Flug in den Weltraum. Seine Abneigung zu Michail Tjurin ist bekannt.
"Was ist ihre Absicht?" fragt Tjurin resignierend den Meuterer seines Raumschiffes.
"Als erstes gilt es den programmierten Kurs zu halten und unter allen Umständen das Leben von Gastkosmonaut Mark Olsen zu sichern!" Kaleri sieht mich ohne äußerliche Anzeichen einer Gefühlsregung an.
"Mein Leben zu sichern?" Die ganze Situation an sich ist schon schwer zu begreifen, aber dieser letzte Satz raubt mir die Logik der Zusammenhänge. "Sergeij, bitte legen sie die Waffe weg und lassen sie uns gemeinsam die technischen Probleme lösen!" bekniee ich mit Worten den russischen Kosmonauten.
"Es gibt keine technischen Probleme! Seit drei Jahrzehnten wurde an diesem Vorhaben geplant und gearbeitet. In kürze wird ein neues Kapitel im Buch der Raumfahrt aufgeschlagen und ich habe in der ersten Reihe dieser revolutionären Geschichte Platz genommen!"


Flugleitzentrale Koroljow, Russland.
Als der Chef von Energija, Nikolai Sewastjanow, den steril anmutenden Saal, in dem die Pressekonferenz abgehalten wird, betritt, verebbt augenblicklich das hysterische Stimmengewirr der anwesenden Journalisten. Mit gezielt, ruhigen Schritten geht er bis zum Rednerpult und bezieht hinter einem Wald von Mikrofonen in- und ausländischer Presseagenturen Position.
"Zunächst möchte ich ihnen allen, im Namen der Familien der Kosmonauten, für die Anteilnahme danken, die uns aus allen Regionen des Landes erreicht - es bedeutet uns wirklich sehr viel. Außerdem möchte ich die Vertreter der Medien bitten, die Privatsphäre der Familien in dieser schwierigen Zeit zu respektieren. Ich weiß das alle, wenn die Zeit gekommen ist, bereit sein werden, mit Ihnen zu sprechen." Sewastjanow hält kurz inne und fährt mit gedämpfter Stimme fort.
"Gestern war wahrscheinlich der härteste Tag meines Lebens. Mit großem Bedauern mußte ich um 22.00 Uhr Ortszeit die laufenden Rettungsversuche abbrechen und die Mission, der Versorgungsflug ES-28 zur Internationalen Raumstation, offiziell als gescheitert und die drei Kosmonauten für tot erklären. Als Hauptverantwortlicher der Energija war es meine erste Pflicht, den Familien der Verunglückten die Situation zu schildern und zu erklären, daß ihre Ehemänner und Väter nicht mehr nach Hause kommen werden." Wiederum kurze Pause.
"Wie ihnen bereits gestern ausführlich mitgeteilt, war dieses Desaster eine Verkettung unglücklicher Umstände und Ereignisse. Da wir uns mit dieser Aussage jedoch nicht zufriedenstellen können und dürfen, gilt es als unsere oberste Priorität, diesen schrecklichen Unfall lückenlos und transparent in den nächsten Tagen und Wochen aufzuklären. Bis dahin bitten wir sie um Geduld."
Gleichzeitig schnellen einige Journalisten von ihren Stühlen in die Höhe und versuchen ihre Fragen als erste bei den alten Wolf lauthals zu deponieren.
"Herr Sewastjanow, nach welchen Kriterien können sie die Besatzung der Sojus für tot erklären?"
"Wie sie wissen, hatten wir ab der ersten Sekunden keine Möglichkeit mit der Raumkapsel zu kommunizieren. Nicht über die übliche digitale Funkverbindung und auch nicht mit dem zentrale Computersystem. Zu keinem Zeitpunkt konnten wir aktiv in die Geschehnisse eingreifen, jedoch hatten wir die grausame Möglichkeit, als Zuschauer die Vorgänge und Handlungen am Computer mitzuverfolgen. So auch sämtliche Körperfunktionen der Kosmonauten. Bereits wenige Minuten nach dem Start hatten die Insassen der Sojus mit massiven Sauerstoffverlust zu kämpfen. Als der Sauerstoffgehalt in der Kapsel unter fünf Prozent fiel, verloren die Kosmonauten ohne Vorwarnung das Bewußtsein. Weitere vier Minuten später setzte bei allen drei Besatzungsmitglieder der Tod durch Ersticken ein."
Eine Journalistin des deutschen Physik-Reports wird aufgefordert ihre Frage zu stellen "Herr Sewastjanow, warum sind sie sich so sicher, daß alle drei Besatzungsmitglieder der Sojus tot sind? Ich meine, könnte sich nicht ein Fehler bei Übertragung der Körperfunktionen zur Erde eingeschlichen haben?"
Die stahlblauen Augen des Wolfes bohren sich wie Messerspitzen in die junge Frau „Was dies betrifft, sind wir uns absolut sicher. Zwei voneinander unabhängige Systeme haben idente Werte zu unserer Bodenstation gesendet und den Kollaps der Kosmonauten doppelt dokumentiert."
"Stimmt es, daß sie allein die Entscheidung für den Abbruch aller Systeme entschieden haben?" setzt die Journalistin kühn hinzu.
"Ich bin Nikolai Sewastjanow, Chef von RKK Energija und Hauptverantwortlich für diese Mission. Eine solch letztendliche Entscheidung kann und darf nur ich treffen! Der nächste!"
"Kann man die Körper der toten Kosmonauten jemals bergen?" meldet sich der Chefredakteur von Financials-Times zu Wort.
"Sehen sie: das Grab unserer toten Kollegen ist die Raumkapsel ... und diese bewegt sich mit einer enormen Geschwindigkeit von der Erde in den Weltall fort. Es ist praktisch unmöglich, die Sojus jemals einzuholen und die Kosmonauten zu bergen! So leid mir das auch für die hinterbliebenen Familien tut, aber dies liegt außerhalb unserer technischen Möglichkeiten!"
Sewastjanow schweift mit wachem Blick durch die Runde der Journalisten und gibt einen kleinen, unauffälligen Reporter das Wort.
"Was halten sie von der mysteriösen Todesserie unter Amateur- und Berufsfunkern weltweit?"
Sewastjanow zögert für einen Moment "Ich verstehe ihre Frage und den Zusammenhang mit dem Unglück der Sojus M-28 nicht?"
Die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Personen im Pressezentrum gehört in diesem Moment einen kleinen Mann, der seine Lebenserwartung mit dieser Frage entscheidend verkürzte.
"In den letzten zwei Tagen sind siebenundvierzig Menschen an Funkgeräten ohne Anzeichen auf Krankheit oder Fremdeinwirkung verstorben. Davon allein seit gestern, 06.10 Uhr Ortszeit, Neununddreißig! Also exakt ab den Zeitpunkt, als die Triebwerke der Sojus auf dem Raumflughafen Baikonur in Kasachstan gezündet wurden!"
Zum manifestieren seiner Frage zeigt der Reporter eine Zeittafel der letzten achtundvierzig Stunden, an der jeder gemeldete Todesfall eines Funkers als roter Punkt markiert wurde. Die massive Ansammlung an Punkten ab 06.10 Uhr ist nicht zu übersehen.
"Die besagten Funker haben jedoch keine Kommunikation mit ihresgleichen geführt, sondern ein bestimmtes Signal im Frequenzbereich zwischen zehn und dreißig Kilohertz verfolgt, welches, so scheint es zumindest, von der Sojus-Raumkapsel reflektiert wurde und bis zum jetztigen Zeitpunkt noch immer reflektiert wird. Der Ursprung dieser Tonfolge, und daran gibt es keinen Zweifel, stammt aus einem fixen Punkt im Weltraum!"


FBI-Untersuchungsbüro, Buffalo (NY), USA.
Die beiden FBI-Agenten Miller und Kolowski manifestieren alle bisherigen Fakten zur Todesserie auf einer großen Schreibtafel und fassen für die zierliche Walforscherin, Doktor Agatha Hamilton, zusammen. "Zur Zeit untersuchen wir vier Todesfälle in unserem Bezirk. Bundesweit wurden bis jetzt an die zwanzig tote Funker gemeldet. Bei allen toten Personen gibt es keine Spuren von Gewaltanwendung oder äußerliche Symptome einer Krankheit die zum Tode hätte führen können. Offizielle Todesursache, laut dem momentan vorliegenden Obduktionsbericht von unserem Fall Dryden, ist Hirntod. Wobei die Gerichtsmediziner einen interessanten Zusatz beigefügt haben ..." Miller blättert die Seiten hastig bis zum angesprochenen Punkt durch und zitiert aus dem Bericht "... sämtliche Nervenzellen im Groß- und Kleinhirn, sowie im Hirnstamm sind ohne ersichtlichen Grund irreversibel zerstört worden. Wir erwarten in den nächsten Tagen weitere Ergebnisse von forensischen Untersuchungen aus unserem Labor, die hoffentlich zur vollständigen und befriedigenden Klärung der Todesursache beitragen könnten."
Miller setzt sich auf einem Stuhl und der Ältere der Beiden, Kolowski, fährt an Dr. Hamilton gerichtet mit der Zusammenfassung fort "Von den Kollegen der Spurensicherung haben wir nicht viele zweckdienliche Ansätze bekommen, außer diesen, dass bei sämtlichen Funkgeräten aller toten Personen die selbe Sendefrequenz justiert war. Bei Überprüfung eben dieser ominösen Frequenz hatten wir leider nicht den gewünschten Erfolg." Kolowski macht eine kurze Pause um die richtigen Worte zu finden "Die Signale, die wir auf dieser Wellenlänge empfangen, ähneln denen von Meeressäugern, stammen jedoch aus dem Weltraum." Der Agent hebt resignierend seine Schultern "Noch mehr Fragen, in den ohnehin schon surreal wirkenden Fall." Kolowski schiebt Dr. Hamilton die Unterlagen über den Tisch zu und fügt an "Wir brauchen ihre fachkundige Meinung zu den Signaltönen ... und zwar so schnell als möglich!"

Hearst, Kanada.
Dean Morgan ist auf sein Funkgerät fixiert. Unrasiert und abgemagert hockt er im Keller, seinem freiwilligen Gefängnis, ohne Kontakt zu jeglichen Mitmenschen. Alle Fensterscheiben verdunkelt und die Türen zur Außenwelt verriegelt. Staub liegt auf den Oberflächen und der Boden ist übersät mit Unrat. Seine rot geränderten Augen starren auf den Lautsprecher der Funkanlage. Die Töne, die wie Tentakel aus einem Gitterrost gleiten, halten ihn und seinen Verstand gefangen. Unfähig, sich dagegen zu wehren, beginnt sein Kopf immer schneller und heftiger im Rhythmus der Melodie zu zucken. In seinem Gehirn startet ein Feuerwerk an elektrischen Impulsen und Reizen. Er sieht vergangene Momente wie in einem Spiegel der Zeit. Kindheitserinnerungen streifen kurz seine Gedanken um sich mit Monstern der Fantasie abzulösen. Schöne und angenehme Gefühle wechseln in Angst und Panik. Morgan spürt eine unglaubliche Kälte in seinen Gehirn, als hätte der Winter Einzug gehalten. Er kann keinen klaren Gedanken fassen und die Möglichkeit zur Konzentration ist schon seit Tagen gewichen. So läßt er die Sinnesflut wie eine Brandung über sich kommen. Der reellen Wahrnehmung beraubt, springt er in seinem Inneren, an die Rückwand. "Wo bin ich?" fragt sein Bewußtsein, als er benommen zu Boden rutscht. Der Raum, in dem er sich befindet, ist eigenartig gekrümmt und die tänzelnden Farben um ihn herum erinnern an Polarlichtbänder in der Erdatmosphäre. Vor ihm sind zwei ovale Fenster, durch denen man in einen weiteren, düsteren Raum sieht. Als Dean Morgan versucht aufzustehen, bemerkt er entsetzt, dass seine Gliedmaßen, ja sein ganzer Körper fehlen. "Was passiert mit mir?" Ohne das Wissen wie, hebt sich sein Blickwinkel und die Aussicht, die er durch einen der beiden ovalen Fenster erhascht, gibt ihm den Rest.
Er stiert fassungslos in seinen Keller, den Raum, in dem er sich eigentlich befinden sollte. Auf der Tischkante vor dem Funkgerät sieht er zwei bewegungslose Hände. Seine Hände. Die Erkenntnis, dass er in seinem eigenen Kopf gestrandet ist, löst eine unwiederbringliche Kettenreaktion aus. Wie ein marodes Gebäude, stürzt sein Bewußtsein in sich zusammen und begräbt seinen Geist unter sich. Augenblicklich kollabiert der Körper und die überlebenswichtigen Organe beenden für immer ihre Tätigkeit. Dean Morgan ist tot.


Fortsetzung folgt ...

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